INTERLAKEN6. FEBRUAR 2017

Sei vorsichtig, was du dir wünschst

Am offenen Feuer auf dem Marktplatz bezauberten Erzählerinnen und Erzähler mit kurzen Märchen. Gebannt blieben die Passanten stehen und liessen sich verführen ins kalte Russland oder fieberten mit dem Bauern mit, der einen magischen Ring fand.
von Zora Herren

Doris Barrot (48) und ihr Mann Steve Barrot (47) fesselten die Zuhörer mit zweisprachigen, überlieferten Volksmärchen.

Doris Barrot (48) und ihr Mann Steve Barrot (47) fesselten die Zuhörer mit zweisprachigen, überlieferten Volksmärchen.Fotos: Zora Herren

In der Feuerschale brennt Holz, Glühwein wird serviert, trotz Kälte bleiben die Leute stehen und lauschen den packenden Kurzgeschichten. Oft kann herzhaft gelacht werden, mancher Satz regt zum Nachdenken an und ja, dem König, dem war es dennoch furchtbar langweilig.

Der geizige König

Lebhaft erzählt Martin Niedermann, wie der König überlegte, was er machen könnte, dass er unterhalten wird, ohne dass es ihn etwas koste, da er sehr, sehr geizig war. «Er liess in seinem Reich verkünden, wer mir etwas erzählt, das ich nicht glauben kann, der bekommt meinen goldenen Apfel», schildert Niedermann mit einer Mimik, bei der es schon beinahe keine Worte mehr gebraucht hätte.

Martin Niedermann ist Mitbegründer und engagiertes OK-Mitglied des Jungfrau Erzählfestival in Interlaken.

Martin Niedermann ist Mitbegründer und engagiertes OK-Mitglied des Jungfrau Erzählfestival in Interlaken.

So seien viele zum Schloss gekommen und erzählten die unmöglichsten Geschichten, doch der König meinte immer nur, dass das schon sein könne und freute sich, dass er so gut unterhalten wurde, ohne dass er etwas dafür bezahlen musste.

Der gewitzte Hirtenjunge

Ein schlauer Hirtenjunge hörte davon und ging zum König. Er stand vor ihn hin und sagte: «König, gib mir mein Säckchen mit den 100 Goldstücken zurück, das ich dir letzte Woche auslieh. Der König antwortete erzürnt: «Was, das ist niemals wahr …! Besann sich jedoch sogleich, als der Junge ihn fragte, ob er meine, dass es gelogen sei? Der goldene Apfel war dem König viel wert, also liess er sich darauf ein, stimmte dem Jungen zu und liess ihm die 100 Goldstücke bringen.

«Seither ist der König sehr vorsichtig, wenn es ihm langweilig ist und er sich unterhalten möchte», schliesst Niedermann seine Geschichte. Für die Besucher war an diesem Morgen beste Unterhaltung garantiert. Doris Barrot und ihr Mann Steve Barrot traten gemeinsam auf, zweisprachig, so erzählte sie einen kurzen Teil in Dialekt und blickte zu Steve Barrot, der auf Französisch weitererzählte. Auch wer nicht beide Sprachen einwandfrei beherrschte, konnte der Geschichte folgen.

Der arme Bauer und der gierige Goldschmied

Sie erzählen vom armen Bauer, der mit Hilfe einer alten Frau einen Ring findet, mit dem er sich einen Wunsch erfüllen kann. Auf dem Heimweg zu seinem Hof, begegnet er einem Goldschmied. Als dieser erfährt, dass der Bauer einen Wunschring hat, tauscht er ihn heimlich aus und wünscht sich, kaum ist der Bauer gegangen, dass es Gold regnet.

Barrot zeigt den gebannten Zuhörer, wie es Gold regnete.

Barrot zeigt den gebannten Zuhörer, wie es Gold regnete.

Das Gold prasselte auf den Goldschmied nieder und wollte nicht mehr stoppen, bis der Gierige schliesslich unter dem vielen Gold begraben war. Doris Parrot meint an die Zuhörer gerichtet: «Darum sei vorsichtig, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen.» Das Publikum musste unvermittelt lachen.

Barrot ist seit acht Jahren freiberufliche Erzählerin, sie weiss, worauf geachtet werden muss, damit sie die Zuhörer mit ihren Märchen berühren kann.

Barrot ist seit acht Jahren freiberufliche Erzählerin, sie weiss, worauf geachtet werden muss, damit sie die Zuhörer mit ihren Märchen berühren kann.

Der arme Bauer, der im Glauben war, dass er sich immer noch etwas von seinem Ring wünschen kann, beriet sich jedes Jahr mit seiner Frau. Doch sie beide hüteten den Ring und begannen, für ihre Wünsche mehr zu arbeiten. Dadurch verdienten sie so viel, dass sie ihren Bedürfnissen nach und nach Abhilfe schaffen konnten. So ging das in ihrem Leben weiter, bis sie schliesslich glücklich und zufrieden starben, ohne sich je etwas von ihrem Ring gewünscht zu haben.

Märchen, die nachklingen

Doris Barrot erzählt am liebsten Volksmärchen, Geschichten, die über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende von Jahren durch die ganze Welt wanderten und immer weiter überliefert wurden. «Ich habe Weisheitsgeschichten sehr gerne, wenn die Leute lachen und dann plötzlich nachdenken und merken, was ihnen das Märchen effektiv sagen möchte», erklärt Barrot. «Das Schönste ist, wenn etwas nachklingt oder die Geschichte weitererzählt wird.»

Die 48-Jährige ist Mitbegründerin des internationalen Jungfrau Erzählfestival in Interlaken, das zum zweiten Mal durchgeführt wird und ein ganzes Wochenende dauert. Sie hätten erfolgreich gestartet am Samstagabend. Gemeinderätin Sabina Stör hielt die Eröffnungsrede. Doris Barrot berichtet: «Sie hat so wunderbar erzählt, dass ich ihr sagte, wenn es mit der Politik nicht richtig klappen will, solle sie Erzählerin werden.»

Geplant sei, dass das Erzählfestival weiterhin alle zwei Jahre durchgeführt werde. «Es kommen immer mehr Leute. Es ist ein Bedürfnis, Geschichten zu hören», weiss die freiberufliche Erzählerin. «Es ist Seelennahrung, wenn man sich einlassen kann, scheint die Zeit still zu stehen und man merkt, dass es einem gut tut.» An diesem Morgen am knisternden Feuer ist der Funke gesprungen, die Zuhörer hatten Feuer gefangen.

Bei Caroline Capiaghi erzählte der ganze Körper Geschichten.

Bei Caroline Capiaghi erzählte der ganze Körper Geschichten.

Im Banne der Märchen, Sagen und Legenden.

Im Banne der Märchen, Sagen und Legenden.

Viele Passanten blieben spontan stehen und liessen sich berieseln.

Viele Passanten blieben spontan stehen und liessen sich berieseln.

«Es isch emal es Bluet- und es Läberwürschtli gsi …», wirft Caroline Capiaghi in die Runde - eine blutige Geschichte, die amüsierte.

«Es isch emal es Bluet- und es Läberwürschtli gsi …», wirft Caroline Capiaghi in die Runde – eine blutige Geschichte, die amüsierte.

Hier erwärmt Ariane Racine, eine bekannte Erzählerin aus der Westschweiz, die Zuhörer.

Hier erwärmt Ariane Racine, eine bekannte Erzählerin aus der Westschweiz, die Zuhörer.

Wie ein Stechelberger nach Paris ging, sozusagen mit einem Auftrag der Männer aus seinem Heimatdorf, um zu erkunden, wie wohl die Pariser Mädchen so sind. Die Spannung stieg, als der Fernreisende zurück nach Stechelberg kam und zu erzählen begann, dass die schöne Pariserin einen «Gloschli» (Unterrock) trug …

Wie ein Stechelberger nach Paris ging, sozusagen mit einem Auftrag der Männer aus seinem Heimatdorf, um zu erkunden, wie wohl die Pariser Mädchen so sind. Die Spannung stieg, als der Fernreisende zurück nach Stechelberg kam und zu erzählen begann, dass die schöne Pariserin einen «Gloschli» (Unterrock) trug …

Die Erzählenden geniessen es auch einmal zuzuhören. Steve und Doris Barrot mit Caroline Capiaghi (vlnr).

Die Erzählenden geniessen es auch einmal zuzuhören. Steve und Doris Barrot mit Caroline Capiaghi (vlnr).

ARTIKELINFO

  • Artikel Nr. 151655
  • 6.2.2017 – 12.57 Uhr
  • Autor/in: Zora Herren

Berner Oberländer
Monika Hartig

Ohrenschmaus für Geschichtenfans

Fesselnde Sagen, Märchen und Mythen aus allen vier Himmelsrichtungen: Anfang Februar findet das zweite Jungfrau-Erzählfestival unter dem Motto «Einmal ist keinmal» statt.

OK-Präsidentin Doris Barrot (l.) und OK-Mitglied Christine Brenner präsentieren das Festivalplakat.

OK-Präsidentin Doris Barrot (l.) und OK-Mitglied Christine Brenner präsentieren das Festivalplakat. Bild: Monika Hartig

«Ich erzähle die wahre Geschichte der wunderschönen Anneli, die sich den Höllenkünsten verschrieb und gerettet wurde», sagt Martin Niedermann von Bern. Der leidenschaftliche Erzähler ist OK-Mitglied des Jungfrau-Erzählfestivals, das 2015 unter dem Motto «Das erste Mal» erfolgreich durchgeführt wurde. Grosse und kleine Geschichtenfans von nah und fern waren ­begeistert und wünschten sich mehr davon.

Nun findet unter dem Motto «Einmal ist keinmal» vom 3. bis 5. Februar 2017 das zweite Jungfrau-Erzählfestival statt, wiederum im City-Hotel Oberland und auf dem Marktplatz Interlaken.

Insgesamt 34 Erzählerinnen und Erzähler werden faszinierende Sagen, Märchen und Mythen frei erzählen. Mit dabei sind bekannte Namen wie etwa die Bündnerin Caroline Capiaghi, Frau Wolle, Kathinka Marcks oder Ariane Racine. Wärmende spanische Klänge der Formation Tres Pesetas oder internationale Volksmusik der Band Filigrana umrahmen die Events.

Reichhaltiges Programm

«Neu findet am Freitagnachmittag eine offene Bühne speziell für Familien mit Kindern ab fünf Jahren statt», informiert OK-Präsidentin Doris Barrot, Thun. Am Freitagabend wird das Festival mit dem Thema «Vom Norden südwärts» offiziell eröffnet. Der Samstag bietet etwa «Wärmende Geschichten am Feuer», Erzählungen «von hier und anderswo» oder «Geschichten aus allen vier Himmelsrichtungen». Am Sonntag klingt das Festival mit einem grossen Erzählbrunch aus.

Bunter Geschichtenschatz

Für Erzähler Niedermann sind Geschichten «wahre Schätze, die durch den Erzähler gehoben, doch nur durch die Zuschauer zum Strahlen gebracht werden». So erzählt er etwa das Märchen der traurig schönen Liebschaft eines Fischerbuben mit dem Schlossfräulein, die beide von der bösen Stiefmutter in den Tod geschickt werden. Niedermann begleitet das Märchen mit alten Röseligarten-Liedern. Doris Barrot erzählt Märchen vom Wünschen: So etwa von einem König, der sich vier Worte wünscht, die in schwerer Not helfen könnten.

Eine Reise zu inneren Bildern

Von einer Begegnung mit unterirdischen Bewohnern der Anderswelt oder davon, wie das Feuer auf die Erde kam, berichtet OK-Mitglied Christine Brenner, Ersigen. Sie erklärt: «Ich habe Freude daran, beim Publikum die inneren Bilder im Kopf anzu­regen.»

Weitere Festivalhöhepunkte: Der Museumspädagoge Dirk Nowakowski bringt nordische Sagen und Märchen der Inuit mit, Storyteller Georgiana Keable wird auf Englisch erzählen. Und Charles Aceval hat Geschichten aus der Nomadenkultur der algerischen Wüste dabei.

Lampenfieber gehört dazu

Derzeit wird fleissig geprobt. «Beim Üben laufe ich zu Hause im Kreis herum, und mein Hund muss zuhören», so Barrot. Die ­gebürtige Unterseenerin versetzt sich beim Erzählen vor Publikum gedanklich an einen schönen Ort wie etwa ein Schloss – ein Trick gegen das unvermeidliche Lampenfieber. Auch ein Blackout kam schon mal vor: «Doch man findet immer einen Zwischensatz, der dann weiterhilft», so Barrot.

Auch heuer werden einige Anlässe bei freiem Eintritt mit ­Kollekte durchgeführt. Barrot: «Beim ersten Festival ging diese Rechnung auf. Das Publikum war sehr grosszügig.» Für das Festival 2017 wünscht sich das OK, vermehrt Einwohner der Region begrüssen zu können. 2015 habe einer von ihnen gerühmt: «Ich habe gar nicht gewusst, dass ­Geschichten hören so unterhaltsam, so lustig sein und nachdenklich stimmen kann», berichtete Barrot.

Auf der Website von Charles Aceval heisst es: «Das Wort reist, und es findet immer sein Ziel.»

tinel-bern 2014Copyright © 2011. All Rights Reserved.